Irgendjemand sitzt immer hier

Ein langer Tag im Büro
Anna hat heute ein bisschen länger gearbeitet. Ein Projekt musste unbedingt fertig werden. Jetzt räumt sie zufrieden ihren Schreibtisch auf und schaltet den Computer aus. Sie atmet durch und packt ihre Tasche. Ein zufriedenes Gefühl überkommt sie. Ich liebe das, denkt sie, wenn ich etwas geschafft habe – etwas außerhalb von Haushalt, Küche und Co.
Auch wenn sie gut von zu Hause aus arbeiten kann, mag sie die Bürotage. Für Anna sind sie wichtig. Sich mit Kolleg:innen austauschen, ein kurzer Kaffeeratsch, einfach eine andere Atmosphäre spüren. Der Weg ins Büro, die Hektik danach, schnell nach Hause, die Kinder abholen – all das nimmt sie in Kauf.

Denn dieses Gefühl, etwas erreicht zu haben, Aufgaben abzuhaken, die nichts mit Wäschewaschen und Co. zu tun haben, ist es ihr wert.

Organisation im Kopf
So sind Bürotage auch Großkampftage.
Schnell raus aus dem Büro, noch einkaufen, die Mädels abholen und ins Training fahren. Heute haben die Mädels bis 16 Uhr Schule, dann geht es gleich für sie zum Training. Eigentlich ein Glückstag, was die Organisation betrifft. Beide gehen in die gleiche Schule und trainieren den gleichen Sport: Leichtathletik.

Heute kommt noch dazu, dass alle Familienmitglieder zu unterschiedlichen Zeiten nach Hause kommen. Die Schwestern haben zwar zur gleichen Zeit Trainingsbeginn, aber bei Theresa finden nach dem Training noch Einzelgespräche mit der Trainerin statt. Das kann sich hinziehen. Anna hofft, dass ihr Mann Markus sie später abholt. Leni holt sie selber ab.

Flo, der Älteste, kommt heute auch später nach Hause. Er arbeitet seit ein paar Wochen im Fitnessstudio an der Rezeption. Solange er noch nicht genau weiß, was er machen will – Ausbildung oder Studium – soll er zumindest übergangsweise etwas arbeiten. Da waren sich Anna und Markus einig. Nach der herausfordernden Abiturzeit etwas entspannen: ja. Ewig rumgammeln im Hotel Mama und Papa: nein.

Der Blick in den Zauberschrank

Während Anna zum Auto geht, überlegt sie, was sie zum Abendessen vorbereiten könnte. Der Gedanke trifft sie plötzlich. Ach herrje, was hab ich denn überhaupt daheim?
Irgendwie hat sie diese Woche den Wocheneinkauf versemmelt. Jetzt ärgert sie sich ein bisschen über sich selbst. Warum habe ich nicht am Montag gleich für die ganze Woche eingekauft?
Die Antwort kennt sie: Am Sonntag hatte sie keine Lust, sich durch Essenspläne zu wühlen. Manchmal ist es einfach lästig, die ganze Woche durchzuplanen. Sie wollte einfach nicht.

Nun gut, ist jetzt so, denkt sie. Dann eben schnell nach Hause und in den „Zauberschrank“ schauen, was da ist. Der Zauberschrank – so nennt die Familie den Vorratsschrank. Irgendetwas gibt es immer im Schrank, aus dem man etwas zaubern kann.
Kaum zu Hause, reißt sie auch schon die Tür des Vorratsschranks auf. Ein schneller Blick – und Anna weiß, was es geben wird. Super begeistert werden meine Herrschaften nicht sein, denkt sie, aber da müssen sie jetzt durch.
Sie nimmt eine Dose Tomaten in Stücken, Kidneybohnen und schwarze Bohnen aus dem Regal und stellt sie in der Küche ab. Im Gemüsefach findet sie noch eine Zucchini, die weg muss. Perfekt.


Knapp dran an der Parkharfe

Jetzt hol ich schnell die Mädels ab, bring sie zum Training und danach bereite ich gleich die Suppe vor. Das passt, geht es ihr durch den Kopf, während sie wieder zum Auto läuft.

Die Mädels warten schon ungeduldig vor der Schule an der Parkharfe. Theresa schaut vorwurfsvoll, der Ton passt dazu. „Mama, warum musst du immer so knapp kommen? Geht’s nicht ein wenig früher? Und hast du unsere Sporttaschen dabei?“

Anna atmet kurz ein und aus. Ach, welch nette Begrüßung, denkt sie und sagt laut:
„Hallo erst mal. Ja, ich habe die Sporttaschen dabei. Sogar die, die nicht am Abend vorher hergerichtet wurde, Magdalena.“ „Ups, hab ich vergessen“, murmelt Leni. Anna schaut sie ernst an. „Ja, meine Liebe, du vergisst öfter etwas in letzter Zeit.
„Tut mir leid, man kann ja nicht perfekt sein“, sagt Leni, mit einem kleinen Lächeln und einem Hundeblick, der kaum zu übersehen ist. Nach zwanzig Minuten sind die Mädels am Trainingsplatz. Diesmal lief es gut mit dem Verkehr, kein Stau.

Suppe im Topf, Brot im Ofen

Zuhause angekommen, macht sich Anna gleich an die Suppe.
Sie würfelt die Zwiebel und den frischen Knoblauch fein, gibt etwas Olivenöl in einen Topf und erhitzt es. Die Zwiebel und der Knoblauch kommen hinein, dürfen kurz andünsten. Dann gibt sie die geschnittene Zucchini dazu, wieder kurz andünsten, Tomatenmark hinterher und mit einem kleinen Löffel Honig karamellisieren. Die geschälten Tomaten aus der Dose kommen dazu, ebenso die Bohnen. Alles wird gut verrührt.

Wie würze ich denn heute?, überlegt Anna und öffnet die Gewürzschublade.
Sie greift zu geräuchertem Paprikapulver, Pfeffer und Salz aus der Mühle, dazu ein paar Gewürze wie Oregano, Basilikum und Majoran. Einmal aufkochen lassen – fertig.
Es gibt noch ein Dinkelbaguette von gestern, perfekt für Knoblauchbaguette. Anna schneidet es auseinander, streicht Butter darauf und würzt es mit Knoblauchpulver. Nachher kommt es einfach in den Ofen.
Sie wirft einen Blick auf die Uhr. Ich bin super in der Zeit, denkt sie zufrieden, dann düse ich gleich los und hol Leni ab.

Mhm, vielleicht sollte ich doch noch zum Metzger und Hackfleisch kaufen. In Gedanken sieht sie Markus und Flo ihre Suppe löffeln. Das kann ich ja nachher noch scharf anbraten, dann können die Jungs es zur Suppe geben. Über eine pure Gemüsesuppe sind sie sicher nicht so begeistert. Und die Mädels können sich auch etwas davon nehmen, wenn sie möchten.

Ein leises Nacheinander am Tisch

Der Metzger liegt auf dem Weg. Anna fährt los, holt das Hackfleisch und landet kurz vor knapp am Sportplatz. Magdalena zieht gerade ihre Sneakers an und packt die Tasche zusammen.
„Hallo Mama“, ruft sie und winkt zu Anna rüber, „ich bin gleich fertig.“

Zuhause angekommen, schmeißt Leni erst mal wieder ihre Tasche in die Ecke und die Schuhe bleiben mitten im Flur stehen.
„Magdalena“, ruft Anna aus der Küche, „bitte …“
„Jaaa, ich weiß“, kommt es zurück. Mehr muss Anna gar nicht sagen.

Jetzt schnell noch das Hackfleisch anbraten. Sie erhitzt Öl in der Pfanne, gibt das Hackfleisch dazu und würzt es kräftig.

Alles ist fertig, der Tisch gedeckt, der erste Teil des Baguettes im Ofen. Magdalena muss nur noch die Getränke holen, dann passt alles.

Anna setzt sich erst einmal. Markus holt später noch Theresa vom Training ab. Sie wird jetzt mit Magdalena essen, später dann Markus mit Theresa. Flo kommt irgendwie dazwischen nach Hause – nach seinem Dienst im Fitnessstudio.

Aber das ist nicht schlimm, findet Anna. Es gibt Suppe, die ist schnell wieder aufgewärmt.
Es ist kein Abendessen, bei dem alle gleichzeitig am Tisch sitzen. Mehr ein leises Nacheinander. Hauptsache, hier steht etwas Warmes bereit, denkt sie.

Und am Ende ist dieser Tisch nie ganz leer.

Falls du es nachkochen möchtest, findest du das Rezept hier.

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