Schnell räumt Anna den Frühstückstisch ab und wirft noch eine Ladung Wäsche in die Waschmaschine.
Der Rest muss warten, denkt sie. Jetzt treffe ich mich erst einmal mit Betty in unserem Stammcafé.
Darauf freut sie sich schon die ganze Woche.
Betty – und ja, sie heißt tatsächlich so. Keine Abkürzung für Bettina oder Elisabeth – kennt Anna seit Florians Kindergartenzeit.
Sympathisch fand Anna sie damals nicht sofort. Na ja, eigentlich schon. Sie fand Betty nur ein bisschen zu perfekt.
Perfekt freundlich. Perfekt geduldig mit den Kindern. Perfekt beim Basteln. Immer aufmerksam, immer organisiert. Und Anna war sich ziemlich sicher, dass zu Hause wahrscheinlich auch noch der Garten aussah wie aus einer Zeitschrift. Das tat er übrigens tatsächlich. Zumindest in Annas Augen.
Heute muss sie darüber lachen. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Sie haben sich gemeinsam über ihre Kinder gefreut, sich Sorgen gemacht, Geburtstage gefeiert, Gartenabende verbracht und unzählige Kaffees getrunken.
Und Bettys Garten ist immer noch wunderschön. Aber Anna sieht ihn heute anders.
Betty liebt es einfach. Sie kümmert sich gern um ihr Zuhause, ihren Garten und ihre Familie. Wenn sie etwas macht, dann richtig. Nicht, weil sie jemandem etwas beweisen möchte, sondern weil es ihr Freude macht.
Anna bewundert das. Und manchmal beneidet sie Betty auch ein bisschen.
Ihr eigener Garten ist dagegen eher – nun ja – ein Garten. Der Rasen wird gemäht, die Büsche werden geschnitten, und hier und da steht etwas Hübsches. Große Blumenbeete?Eher nicht. Trotzdem mag Anna ihn. Besonders die Sitzecke unter dem Baum und die Hollywoodschaukel, auf der man wunderbar herumliegen kann.
Eigentlich reicht das doch völlig, denkt sie.
Während sie noch schnell das Geschirr in die Spülmaschine stellt, fällt ihr wieder ein, wie unsicher Betty sie früher gemacht hatte.
Nicht Betty selbst. Das Bild, das Anna sich von ihr gemacht hatte.
Damals hatte sie oft das Gefühl, nicht genug zu sein. Dabei arbeitete sie gerne. Sie mochte ihre Kolleg:innen, ihre Aufgaben und dieses Gefühl, auch außerhalb von Familie und Haushalt etwas Eigenes zu haben.
Und trotzdem meldete sich regelmäßig das schlechte Gewissen.
Müsste ich nicht mehr zu Hause sein? Mehr Zeit für die Kinder haben? Besser organisiert sein? Gesünder kochen? Und warum schafften andere Frauen das alles scheinbar mühelos?
Anna sah sie überall. Frauen mit anspruchsvollen Jobs und perfekt organisiertem Familienleben. Frauen, deren Kinder pünktlich mit selbst gebackenem Kuchen beim Schulfest standen. Frauen, die aussahen, als kämen sie gerade aus einem Magazin, obwohl es erst acht Uhr morgens war. Anna dagegen stand manchmal mit ungekämmten Haaren in der Küche und fragte sich, wo eigentlich schon wieder die Sporttasche war.
Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass sie bei anderen immer genau das sah, was ihr bei sich selbst fehlte. Oder von dem sie glaubte, dass es ihr fehlte. Betty hatte einen großen Anteil daran.
Anna erinnert sich noch gut an einen ihrer ersten Kaffeenachmittage bei ihr. Natürlich war alles ordentlich. Natürlich standen frische Blumen auf dem Tisch. Und natürlich gab es selbst gebackenen Kuchen. Anna hatte sich gerade wieder ein kleines bisschen unzulänglich gefühlt, als Betty plötzlich sagte:
„Manchmal denke ich schon, ich hätte doch wieder arbeiten gehen sollen.“
Anna hatte sie überrascht angesehen. Betty lachte.
„Wobei – eigentlich arbeite ich ja. Ich putze, koche, wasche, kümmere mich um die Kinder, höre mir sämtliche Probleme an und bin nebenbei noch Gärtnerin, Fahrdienst und Veranstaltungsmanagerin.“
Dann wurde sie ernster.
„Trotzdem denkt man manchmal, es fehlt etwas.“
Dieser Satz ist Anna geblieben. Denn eigentlich ging es ihnen beiden ähnlich.
Anna hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie neben der Familie arbeitete. Betty fragte sich manchmal, ob sie nicht auch wieder berufstätig sein sollte. Beide schauten auf die jeweils andere und sahen etwas, das ihnen selbst vermeintlich fehlte.
Wie absurd eigentlich, denkt Anna.
Vielleicht gibt es gar nicht das eine richtige Familienmodell. Nicht die eine richtige Art, Familie zu leben. Was für die einen passt, fühlt sich für die anderen ganz falsch an. Und manchmal verändert sich das, was passt, auch wieder.
Anna greift nach ihrer Jacke. Das schlechte Gewissen hat sich deshalb nicht für immer verabschiedet. Es taucht schon noch auf. Aber Anna hört ihm nicht mehr ganz so aufmerksam zu wie früher.
Jetzt freut sie sich erst einmal auf Betty. Auf Kaffee, wahrscheinlich Kuchen und einen richtig schönen Weiberratsch.
Sie zieht ihre Jacke an, geht zum Fahrrad und fährt los.
Wie gut, denkt sie, dass man manchmal jemanden braucht, der einem zeigt, dass anders nicht automatisch besser bedeutet.
