Ein Kaffee mit Betty

Schnell räumt Anna den Frühstückstisch auf und steckt noch eine Wäsche in die Waschmaschine.

Alles andere muss warten, denkt sie. Jetzt treffe ich mich erst einmal mit Betty.

Betty ist ihre Freundin. Sie kennen sich seit dem Kindergarten, seit Florians Zeiten. Damals waren die Kinder noch klein, und irgendwie war immer etwas los. Heute treffen sie sich in ihrem Stammcafé.

Anna freut sich darauf.

Am Anfang war Betty für sie allerdings alles andere als einfach gewesen. Wobei das nicht ganz stimmte. Eigentlich war Betty schon sympathisch. Nur kam sie Anna so wahnsinnig perfekt vor.

Perfekt freundlich. Perfekt einfühlsam mit ihren Kindern. Perfekt beim Basteln. Eine Vollblut-Hausfrau, die alles mit Leidenschaft machte. Anna wollte gar nicht wissen, wie perfekt ihr Garten und ihr Haushalt waren. „Bei ihr sieht bestimmt sogar der Keller ordentlich aus,“ hatte Anna damals gedacht.

Nun gut. Das war einmal.

Mittlerweile sind sie schon lange Freundinnen. Sie haben Freude und Sorgen miteinander geteilt, mit ihren Kindern gelitten und sich über sie gefreut. Sie waren gemeinsam unterwegs, haben Gartenpartys gefeiert und viele Stunden am Küchentisch verbracht.

Bettys Garten ist immer noch ein Traum wie aus dem Gartenmagazin. Zumindest für Anna. Aber heute sieht sie ihn mit anderen Augen. Betty ist tatsächlich eine Vollblut-Hausfrau. Sie macht vieles mit hundertprozentiger Leidenschaft, weil sie es einfach gerne tut.

Anna findet das toll. Und manchmal beneidet sie Betty auch ein bisschen. Wie schafft sie das nur?

Unser Garten ist eben ein Garten. Nicht verwildert, aber auch kein kleines Paradies aus einem Gartenmagazin. Die Büsche werden geschnitten, der Rasen gemäht und die Sitzecke ein bisschen hübsch hergerichtet. Viele Blumen gibt es nicht. Trotzdem hat unser Garten etwas Romantisches. Gerade die Sitzecke unter dem Baum und die Hollywoodschaukel zum Fläzen machen ihn zu etwas Besonderem.

Aber jetzt ist Schluss mit diesen Gedanken. Sie freut sich, Betty endlich wiederzusehen. Irgendwie war immer viel los gewesen. Es gibt bestimmt einiges zu erzählen.

Auf dem Weg zum Fahrrad bleibt Anna noch einmal kurz stehen. Sie denkt an die Zeit zurück, als sie Betty noch nicht so gut kannte. Damals war sie regelrecht verunsichert gewesen.

Ja, das war schon verrückt, denkt Anna.

Sie hatte oft ein schlechtes Gewissen gehabt. Weil sie nicht perfekt war. Weil sie arbeitete und nicht zu hundert Prozent zu Hause verfügbar war. Dabei arbeitete sie gerne. Sie genoss es, andere Menschen zu sehen und über andere Dinge zu sprechen als über Schule, Wäsche und Familienorganisation.

Gleichzeitig sah Anna überall Frauen, die scheinbar alles schafften. Sie waren erfolgreich im Beruf, organisierten ihren Haushalt, hatten ihre Kinder im Griff und sahen dabei immer gut aus. Schlank, gestylt, freundlich. Alles schien an seinem Platz zu sein.

Anna war selten perfekt gestylt. Und eine Topfigur hatte sie auch nicht.

Es dauerte eine Weile, bis sie verstand, dass sie bei diesen Frauen immer nur das sah, was sie meinte, dass ihr selbst gerade fehlte. Sie suchte förmlich nach dem perfekten Ich. Nach der Frau, die erfolgreich im Beruf war und gleichzeitig die Familie mühelos organisierte.

Betty hatte ihr geholfen, anders hinzusehen.

Das erste Mal, als Anna bei ihr zum Kaffee eingeladen war, war natürlich alles ordentlich gewesen. Fast wie aus einem Wohnmagazin. Aber irgendwann hatte Betty erzählt, dass auch sie Zweifel hatte. Manchmal dachte sie, es wäre vielleicht besser, einen Beruf zu haben. Irgendwie hatte sich auch das Gefühl, dass ein Stück fehlte. Dass sie nicht ganz genügte. 

Anna musste heute noch daran denken. Betty, die ihr so perfekt erschienen war, hatte sich selbst genauso infrage gestellt wie Anna.

Niemand ist perfekt. Und das ist auch gut so. Und man weiß nie, was hinter einer glitzernden, tipptopp gestylten Fassade steckt. 

Ja, da hast du recht, meine liebe Betty, denkt Anna.

Dann geht sie weiter. Die Jacke hält sie bereits in der Hand. Sie zieht sie an, schwingt sich aufs Rad und fährt zum Stammcafé. Es ist schön, wenn man sich auf jemanden freut.

Ein vertrauter Mensch, ein Kaffee und ein Gespräch – ich liebe es und es ist genug. 

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